SINNSTIFTEND |Wie ich mein Leben verbringen möchte

Ruhig war es hier in den letzten Wochen. Zu ruhig. Das Leben ließ mir einfach keine Ruhe. Keine Zeit zum denken und schreiben. Zu viel Krankheit, zu wenig Schlaf, um die Gedanken in Worte zu fassen. Und immer noch wabern in meinem Kopf mehr Wolken der Müdigkeit als der Kreativität. Ich wartete auf den Anstoß, die Rückkehr zur Tastatur. Und dann plötzlich lief mir etwas über den Weg. Ein Satz, ein Inhalt, der  mich tief befriedet hat. Schon lange suche ich nach dem, was ich meine, meinem Leben abverlangen zu wollen. Nie habe ich die richtigen Worte gefunden für meine innere Unruhe. Für die Rastlosigkeit. Für die unendlichen Gedanken über Unwichtiges und Großes. Und dann plötzlich sind sie mir in den Schoss gefallen. Die Worte, die das beschreiben, was mich umtreibt. Jeden Tag.
Ich hörte das Hörbuch „Ach, diese Lücke. Diese entsetzliche Lücke“ von Joachim Meyerhoff (das ich Euch im Übrigen dringend näher vorstellen muss). Und an einer Stelle beschrieb er das Dasein beziehungsweise das Leben seiner Großeltern und es war genau das, was ich suchte. Er klang in etwas so: „Und sie waren mit sinnstiftender Historie gesättigt.“ Genau das ist es! Genau so möchte ich später sein. Mein Leben gesättigt von Erlebnissen, Wissen und Gefühlen. Ein Graus die Vorstellung die wenige Zeit, die wir hier haben mit Nichtigkeiten vertan zu haben. Sie zu verplempern mit Sinnlosigkeit. Die Angst, die Zeit nicht richtig genutzt zu haben, sie zu verschwenden und einfach vergehen zu sehen – sie ist es, die mich bewegt.

Nun mag man die berechtigte Frage stellen, was denn „sinnstiftend“ ist. Und selbsterklärend kann nur jeder für sich selbst diese Frage beantworten. Für den einen mag ein bestimmter Job sinnstiftend sein. Für den anderen viele Kinder. Und noch andere Bücher schreiben. Auch wissenschaftlich arbeiten, Häuser bauen oder selbstversorgend gärtnern sind sicher erfüllende Aufgaben. Jeder entscheidet für sich allein, wie er mit der Zeit umgehen möchte, die ihm gegeben ist. Doch kann man immer beobachten, dass das Nichts-tun kaum lange befriedigend auf den Menschen wirkt. Allerdings braucht man Inseln des Nichts-Tuns. Und genau da liegt mein persönliches Problem. Ist nicht auch Nichts-tun allein aufgrund der Erholung für Geist und Körper sinnstiftend? Und was ist so schlimm daran nichts zu tun?
Ich für meinen Teil habe es verlernt. Jede Minute des Tages ist gefüllt mit einer Tätigkeit. Manche gehören in eine bestimmte Tageszeit, da man einen klaren Kopf braucht. Andere sind auch ohne funktionierende Hirnströme beispielsweise am Abend möglich. Judith Holofernes hat einmal in einem Interview beschrieben, wie die Zeit mit „Wir sind Helden“ sie ausgelaugt und an den Rand des Burnouts getrieben hat. Sie erzählte, wie sie eines Tages sich plötzlich gezwungen hat nichts zu tun. Sie setze sich auf ihr Sofa und blieb dort stundenlang sitzen. Ohne Musik, andere Menschen, ohne Geräusche oder sich zu bewegen. Sie saß einfach da. Und es war schrecklich. Zuerst. Und dann wurde es besser. Und schließlich zu einer Befreiung. Ich konnte so gut nachvollziehen, wie sie sich gefühlt haben muss. Sitze ich auf meinem Lieblingssessel und habe nicht mindestens mein Strickzeug oder mein Telefon in der Nähe fühle ich mich hilflos. Und Zeit verplempernd. Ein Druck arbeitet in mir, immer etwas zu „schaffen“. Pausen unerwünscht.
Dabei möchte ich diesen Druck nicht missen. Nur anders mit ihm umgehen. Denn er ist für mich und meine Sehnsucht nach sinnstiftender Tätigkeit eine Wohltat. Menschen, die ihr Leben mit Sinnlosigkeit verbringen, kann ich nicht verstehen. Ich habe einen unstillbaren Hunger nach Wissen. Ich möchte irgendwann wissensschwer in meinem Sessel sitzen und mir bewusst sein. Über viele Dinge. Ich möchte die Geschehnisse meiner Zeit in mich aufsaugen und sie zu einem großen Bild zusammen fügen. Ich möchte so viel historisches wissen und so viel Musik hören. Ich möchte die Fragen meiner Kinder beantworten. Die nach dem Neandertaler und die nach dem Aussehen von Gott. Ich möchte fragen und herausgefordert werden. Ich möchte lesen, sehen und erkennen.

Hier einige Beispiele aus meinem momentanen Leben. Schon lange bin ich innerlich auf der Suche nach einer Tätigkeit, die mich als Job ganz ausfüllt. Ich würde so gerne mit Menschen arbeiten, aber ich habe meinen Weg noch nicht gefunden. Das ist meine sinnstiftende Lücke. Ich finde den Sinn nicht. Meinen Sinn im Berufsleben. Dafür habe ich meinen Sinn als Mutter gefunden. Ich habe drei Kindern das Leben geschenkt und bete jeden Tag, dass ich sie lange begleiten darf. Ihnen will ich so viel mitgeben. Ich will unbedingt, dass sie gewappnet sind. Dass sie geborgen sind. Dass sie ein großes Allgemeinwissen haben. Denn das stärkt. Das ist für mich sinnstiftend.
Oder auch dies: Ich arbeite gerne mit meinen Händen. Manchmal denke ich, eine Tischlerlehre hätte mir Spaß gemacht. Nicht zu fisselig darf die Arbeit sein. Das Stricken habe ich für mich entdeckt, denn es ist auch mit müden Kopf und Gliedern immer machbar. Dabei kommt etwas heraus, das zauberhaft ist. Und echt. Und selbstgemacht. Das ist für mich sinnstiftend. Ich kann nicht mehr einfach vor dem Fernseher sitzen. Fernsehen ist für mich sowieso zu 80% sinnlos. Also lasse ich meine Hände arbeiten.
Auch das hier ist für mich ganz wichtig: Ich möchte etwas für andere bewegen und einen Unterschied machen. Ich möchte für meine Familie da sein, wenn es ihnen schlecht geht. Ich möchte meine Großmutter begleiten, so lange es geht. Ich möchte Trost geben, wenn er gebraucht wird. Und ich möchte treu sein. Auch zwischenmenschliche Beziehungen können sinnlos sein. Oder eben sinnstiftend.

Jede Minute zu nutzen und ihr einen Sinn zu geben, ist das, was mich treibt. In die Befriedigung und in den Wahnsinn. Denn eigentlich hält die Befriedigung nie lange an. Hat man einige Zeit mit etwas verbracht, geht es auf zum nächsten. Hat man die eine neue Inszenierung in der Staatsoper gesehen, guckt man gleich nochmal ins Theaterprogramm. Denn die Welt ist unendlich. Man kann sie nicht „zuende wissen“. Eine Sisyphusarbeit also. Zu unendlich als dass man es erfassen kann. Wenn man also nie ganz von Sinn erfüllt sein kann, was spricht dann gegen den Sinn der Sinnlosigkeit?

Huch? Etwas sehr philosophisch… :-)

Ich meine, was spricht dagegen, auch mal eine Pause von der Sinnhaftigkeit zu machen und die Zeit einfach so vergehen zu lassen? Ist nicht auch die Ruhe und das Sich-zu-nichts-tun zwingen irgendwie sinnhaft?

Ich stelle mir vor, wie ich alt und grau in meinem Sessel sitze – hoffentlich umringt von einer großen Enkelschar – und zurück blicke auf meine Jahre. Und wenn ich dann sagen kann, ich habe das Leben in mich aufgesaugt und es „sinnstiftend“ verbracht, denke ich dann an den Stress, den mir dieser Anspruch gemacht hat? Denke ich dann, dass ich nicht zu einem Ende gekommen bin? Und denke ich dann vielleicht: „Hättest Du mal mehr nichts getan. Dann wärst Du nicht so unter Druck durchs Leben gehastet!“

Mir haben schon Menschen gesagt, dass ich unentspannt geworden bin. Ich glaube, dass ich jetzt begriffen habe, warum. Es ist nicht nur die Müdigkeit und ein Körper, der ganz schön gelitten hat in den letzten Jahren. Es ist ein Druck, die Zeit zu nutzen, um ihr etwas sinnstiftendes abzuringen. Und an sich empfinde ich das als richtig. Denn ich habe es von meinem Vater, der als Geisteswissenschaftler sein ganzes Leben so verbracht hat und ganz sicher von sich behaupten kann, den Großteil seiner Zeit sehr sinnstiftend verbracht zu haben. Doch auch er hatte diesen Druck im Nacken. Jeden Tag. Und das hat ihn oft die Freude und Ausgelassenheit des Moments verkennen lassen, der dann ohne ihn vorbei gezogen ist. Und das möchte ich nicht. So sehr ich das Leben in mich aufsaugen möchte, um irgendwann von „sinnstiftender Historie gesättigt“ mein Alter zu verbringen, so sehr möchte ich viel mehr das innere Sofa aufsuchen und mit Judith im wortlosen Zwiegespräch sein.

Alles Liebe,

unterschrift

Ein Kommentar zu „SINNSTIFTEND |Wie ich mein Leben verbringen möchte

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s