Weltstillwoche | Mein Brief an die Still-Mafia

Liebe Welt, ich ernähre gerade mein drittes Flaschenkind. Einige von Euch haben es schon mitbekommen und waren nicht um einen Kommentar verlegen. Damit hatte ich gerechnet, doch dass sie erneut so vielfältig sein würden, hatte ich nicht erwartet.

Liebe Hebammenschülerin im Krankenhaus, Du hast vor dieser Ausbildung eine Ausbildung zur Stillberaterin gemacht. Du stehst am Anfang deines Berufslebens im Krankenhaus und meinst dennoch, Du hättest alles gesehen. Du schautest meine Brustwarzen an und zogst die Augenbrauen zusammen. Mit der Erinnerung an Deine frühere Tätigkeit kam dann aber statt des Verständnisses die volle Härte der Still-Verfechterin durch. „Ich würde keine Hütchen benutzen.“ Ich: „Aber dann schreie ich vor Schmerzen.“ Du: „Tja, das müssen Sie natürlich selber wissen.“ Ist das die Motivation und das Einfühlungsvermögen, das Du den frisch entbundenen Frauen entgegen bringen willst?!

Liebe Kinderkrankenschwester, die Du meine letzte Begegnung im Krankenhaus nach der Geburt meiner ersten Tochter warst. Du verabschiedest Dich mit den Worten: „Und, hat das mit dem Stillen jetzt endlich geklappt?“ Ich antwortete mit Nein. „Oh“, antwortetest Du. „Sie wissen aber schon, dass es das Beste für Ihr Kind ist?!“ Weder Du, noch irgendjemand sonst in diesem schrecklichen Laden haben mir bei meinen Problemen geholfen. Ihr habt mich allein gelassen. Und als ich endlich nachhause durfte, hast Du mir diese Aussage mit auf den Weg gegeben…

Liebe Frau im Park, wir sind gleich alt. Unsere Kinder sind gleich alt. Du saßt auf der Parkbank neben mir. Ein schöner Frühlingstag. Du gabst Deinem Baby die Brust. Ich meinem die Flasche. Ich habe Dich angelächelt, Du sahst symphathisch aus. Du starrtest aber nur auf mein mini kleines Baby und die Flasche. Mich straftest Du mit einem verächtlichen Blick. Ich konnte den Vorwurf darin lesen. Wahrscheinlich hast Du gedacht: „Was für eine Rabenmutter, dass sie ihrem Kind die Muttermilch vorenthält.“ Schade, ich hätte Dich gerne kennen gelernt.

Liebe Freundin, Du hast Dich auch nach der Geburt meines dritten Kindes ganz herzlich bei mir gemeldet und mir alles Gute gewünscht. Du wusstest von meinen „Still-Schmerzen“, körperlicher und seelischer Natur. Die erste Frage galt aber nicht mir und meinem Befinden, sondern der Tatsache, ob es denn jetzt beim Dritten endlich mal geklappt hat. Als Du das fragtest hatte ich gerade wieder eine tränenreiche und schmerzhafte Stilleinheit im Krankenhaus hinter mir. Das Baby war ein Tag alt. Vielleicht war die Frage nur nett gemeint oder Du einfach neugierig. Nachdem ich weiß, dass die ganze Sache bei Dir wie von selber lief, hat sie mich dennoch getroffen.

Liebe Stillberaterin, Du hast mich auf einem kleinen intimen Familienfest als Freundin der Gastgeberin in einem Sessel meinem Baby die Flasche geben sehen. Ich konnte Deine Blicke spüren, während Du Dich mit jemand anderem unterhieltest. Als Dein Gespräch beendet war, kamst Du zu mir rüber und stelltest Dich mir vor. Ich war noch dabei, die Flasche zu geben und fragte mich, ob Du auch eine stillende Mutter so unterbrochen hättest. Du fragtest mich, warum ich einem so kleinen Baby die Flasche gäbe und ob ich mich schämen würde, meine Brüste in Gesellschaft zu zeigen. Ich erzählte in Kurzversion vom Blut, das statt der Milch aus meinen Brüsten kam und dass es nicht klappen wollte, trotz Pumpen und bester Beratung meiner Hebamme. Du machtest ein trauriges und verzweifeltes Gesicht und rietest mir, vor der nächsten Geburt zu Dir zu kommen. Denn „Jede Frau könnte stillen“. Auch wenn ich Dich gerne vergessen möchte, hat sich Dein Gesicht in mein Gedächtnis gebrannt wie Tattoo.

Liebe Ärztin, einige Wochen nach der Geburt wurde ich gefragt, ob ich stille, da davon die Medikation abhing. Ich verneinte und sagte, dass dies das dritte Flaschenkind sei. Mit dem erstaunt-verächtlichen Blick hatte ich schon gerechnet. Du sagtest: „Ach so. Das gibt es manchmal. Aber Ihre beiden großen haben auch keine großen Defizite oder Allergien oder so?“ Dass eine Ärztin noch den Ammenmärchen glaubt, dass Flaschenkinder alle schwächliche kränkliche Kinder sind… Du hast Dich bei mir völlig disqualifiziert, mir aber trotzdem noch einmal das schlechte Gewissen ein bisschen weiter aufgepustet.

*****

Ihr lieben drei Hebammen, die Ihr mich bei meinen Geburten begleitet habt, Ihr habt mit mir gelitten, mich in den Arm genommen, mich gewarnt und alles gegeben, um mich auf dem Weg zum Stillen zu unterstützen. Alle drei habt Ihr mir irgendwann von weiteren Versuchen abgeraten. Das ist mein Trost, denn sicher war keine von Euch eine Fläschchen-Verfechterin. Doch Ihr alle drei habt es als nicht sachdienlich und gut für Mutter und Kind angesehen. Schweren Herzens haben wir gemeinsam die Entscheidung getroffen, dass es nicht sein soll. Habt Dank für Euren Zuspruch!

Liebe stillende Mütter da draußen, schätzt Euch glücklich, dass Euch diese Momente geschenkt wurden. Es ist keine Selbstverständlichkeit. Mich schmerzt es immer noch. Das Gefühl, nicht alles gegeben zu haben. Das Gefühl, die Beziehung zu meinen Babys sei irgendwie nicht vollständig gewesen. Das Gefühl, dass da etwas fehlte. Und wenn Ihr eine Mutter seht, die ihrem Baby eine Flasche gibt: unterstellt nicht, dass sie „keinen Bock hatte“. Sondern stellt Euch vor, dass das Kind beim Aufstoßen Blut gespuckt hat. Das der Stuhl bräunlich war vom Blut. Dass sie vor jedem Anlegen Panik hatte und am liebsten vergangen wäre. Dass kein Milcheinschuss kam, sondern nur noch mehr Blut und Schmerz. Seid nicht dogmatisch, sondern milde. Nicht jede Frau kann stillen. Aber jede Frau kann lieben. Und das geht auch mit Fläschchen.

Alles Liebe,

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