Wohlstandsverwahrlost | Warum ich eine solche Gesellschaft für meine Kinder nicht will

|MECKERALARM| Tut mir leid, aber das hier muss schon lange raus und jetzt ist es passiert.

Gestern in der Kita – der Tropfen und das volle Fass! Unglaubliche Szene, die mir alles abverlangt. Die mich explodieren lassen will. Die mich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus bringt. Die mich fassungslos macht.

Eine fünfjährige Tochter wird von beiden Elternteilen abgeholt. Ungewöhnlich, aber für das Kind doch eine tolle Geste. Die Tochter sieht ihre Eltern, läuft ihnen schreiend entgegen und brüllt: „Ihr seid die blödsten Eltern der Welt! Haut ab!“ Dann fängt sie an, auf die Mutter einzuhauen und trifft sie heftig in der Magengegend. Die Mutter dreht sich weg und säuselt (!!): „Ach Mensch, Marie*, das hat mir doch weh getan!“ Das Kind wütet weiter, schmeißt sich auf den Boden. Der Vater setzt sich stumm auf eine Bank und fragt das Kind: „Was haben wir denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Gestern wolltest Du doch früher abgeholt werden.“ Das Mädchen schreit: „Ja, aber heute nicht, Du Blöder!“ Die Eltern lachen unsicher und schauen mich an.  Nichts passiert. Ich bekomme meinen Mund nicht mehr zu und bin kurz davor, das Kind zu nehmen und ihm den Hintern zu versohlen. Und dann den Eltern gleich hinterher. WTF??
Wie kann man sich von einer Fünfjährigen so behandeln lassen?!

Ich habe mit meinen Kindern gelernt, milder zu werden. Die Menschen mehr zu nehmen wie sie sind. Zu akzeptieren, dass eben jeder seinen eigenen Weg hat und meiner sicher auch nicht allen immer gut reinläuft. Aber einige Dinge sind so daneben, dass ich mich frage, wie diese Menschen oder besser Familien überhaupt glücklich sein können.
Szenen wie die Beschriebene habe ich schon oft erlebt. In der Kita, im Supermarkt, bei Freunden. Hinzu kommt, dass ich ständig hier im Netz lese, dass es doch das Wichtigste überhaupt sei, seinen Kindern Freiheit zu ermöglichen, sie so zu nehmen wie sie sind, ihre Anfälle und Fehltritte zu akzeptieren, ohne in ihre Charakterbildung einzugreifen. An sich alles Dinge, die ich auch leben möchte, aber nicht um jeden Preis. Und nicht in dem Absolutismus, den einige Eltern dabei an den Tag legen. Für mich gibt es zwei Lager der Nicht-Erziehungswilligen. Zum einen diejenigen, die einfach keine Lust auf Auseinandersetzung haben. Die denken, dass das schon alles wird und für die hauptsächlich zählt, dass ihr Kind sich durchsetzen kann, egal wie. Sie schauen weg und scheuen die Kraftanstrengung. Und zum anderen diejenigen, die sich unwahrscheinlich viel mit Erziehung auseinandersetzen. Jede Handlung, jede Situation auf die Goldwaage legen und auch immer genau wissen, was richtig ist. Die ihren Kindern zu viel zugestehen aus Angst, sie in ihrer Entwicklung einzuschränken, ihnen die kindliche Freiheit zu nehmen oder Ähnliches. Und vor allem auf alles immer eingehen statt sich zu vergegenwärtigen, dass nicht jede Situation das verlangt.

Wisst Ihr, was ich mich frage? Was das für eine Gesellschaft sein wird, in der unsere Enkel mal aufwachsen? Eine Gesellschaft voll von Ellenbogen und Ichbezogenheit. Eine Gesellschaft des rüden Umgangstons und der egoistischen Selbstliebe. Eine Gesellschaft des selbstverständlichen „Ich komme zuerst“ und seltener Hilfsbereitschaft.
Was zur Hölle spricht dagegen seinen Kindern ein Mindestmaß an Respekt vor dem Alter, an Höflichkeit und Rücksichtnahme beizubringen?

Es gibt noch eine Anekdote aus unserer Kita, die ich bis heute nicht fassen kann und die einfach alles über diese WOHLSTANDSVERWAHRLOSTE Generation sagt. Ich bitte einen fünfjährigen Jungen auf der langen Bank ein kleines Stück zu rutschen, damit ich mich neben mein Kind setzen und ihm beim Schuhe anziehen helfen kann. Er sagt „Nein“. Das allein ist eine Frechheit und ich hätte mich das früher NIEMALS getraut. Nach wiederholtem Bitten und derselben Antwort nehme ich den Jungen sanft mit beiden Händen und schiebe ihn vorsichtig ein Stück weiter. Und jetzt seine Antwort: „Dann setz Dich doch hin auf Deinen dicken fetten Arsch!“ Und das ist wortwörtlich! Und bevor irgendwelche Einwände kommen: Nein, das war kein Ausrutscher. Nein, ich kann nicht darüber hinwegsehen. Nein, auch bei einem Kind ist das in keinster Weise akzeptabel.

Doch das eigentlich Schlimme ist, was uns diese Situation sagt. Zum einen sind Kinder in dem Alter immer noch hauptsächlich von ihrem Elternhaus geprägt. Das bedeutet, dass sowohl die Wortwahl, als auch der Ton in dieser Familie so vorgelebt werden müssen. Sobald Dein Kind anfängt so mit Dir zu reden, musst Du Dich doch fragen, woher es das hat? Und es nicht nur situativ unterbinden, sondern auch Deine eigenen Verhaltensweisen überdenken. Zum anderen muss das Kind absolut grenzenlos aufwachsen, denn wenn es einer fremden Erwachsenen gegenüber so agiert, wie muss es dann erst mit seinen Eltern umspringen?! Dazu muss noch gesagt werden, dass die Kinder mit dieser „Freiheit“ keineswegs glücklich sind. Im Gegenteil: diejenigen, deren Eltern keine Leitlinien vorgeben, nicht den Weg zeigen, sondern ihr Kind alles Verhaltensentscheidungen selbst treffen lassen, wirken einfach nur überfordert, aggressiv, traurig und hilflos.

Und jetzt kommt wieder der Einwand vieler: Aber das müssen die doch für sich selber wissen, misch Dich nicht ein. Doch das tue ich! Und nicht, weil mir diese Familie so am Herzen liegt, sondern meine eigenen Kinder, die mit diesen Menschen zusammenleben (müssen)! Ein solches Verhalten hat Auswirkungen auf das Umfeld, also auch auf meine Kinder. Ob nun jetzt im Kleinkindalter oder später als Erwachsene. Ich möchte nicht, dass sie vorgelebt bekommen, dass so etwas in Ordnung ist. Dass es in Ordnung ist, ältere Generationen so respektlos zu behandeln. Dass es in Ordnung ist, andere Menschen zu beschimpfen. Dass es in Ordnung ist, rücksichtslos seiner eigenen spontanen Laune zu folgen, egal was es mit den Mitmenschen macht. Mein Kopf kann einfach nicht verstehen, wie sich Familien so miteinander umgeben können. Und wie man die Augen verschließen kann vor den Folgen, die ein Nichteingreifen hat. Für die eigenen Kinder und für unser Zusammenleben.

Hilfsbereitschaft, Zuvorkommenheit, Freundlichkeit. Empathie für die Gefühle und das Wesen anderer. Rücksichtnahme. Sozialverhalten lernt man doch nicht nur durch Laufen lassen. Und auch nicht nur durch Zusehen. Ich entschuldige mich ständig bei meinen Kindern. Sie tun es deshalb aber nicht bei mir. Ich bitte sie, sich zu entschuldigen, auch untereinander. Und langsam, langsam trägt der Samen Früchte. Aber ich habe überhaupt kein Problem damit, meinen Kindern zu erklären, dass es wichtig ist, sich in dieser Situation zu entschuldigen. Ebenso die Hilfsbereitschaft und der Blick für die Nöte anderer. Ich verlange von meinen Kindern, dass sie anderen helfen. Dass sie sie nicht auslachen. Ruhig erkläre ich ihnen, warum sie sich in dieser Situation so oder so verhalten sollten. Ich zwinge sie nicht, aber ab einem bestimmten Alter sind die Kinder durchaus zugänglich.
Tut mir schrecklich leid, aber ich persönlich kenne kein einziges Kind, das keine Erziehung im eigentlichen Sinne genossen hat und sich die oben genannten Attribute in hinreichendem Maße selber (durch Zusehen!) angeeignet hat. Oder die Kinder bekommen es eben nicht vorgelebt. Mädchen, die schon im Kindergartenalter hinter vorgehaltener Hand flüstern und über andere Lachen, müssen vorgelebt bekommen, dass es in Ordnung ist, sich über andere lustig zu machen. Oder sie haben es sich von anderen Kindern abgeschaut und die Eltern unterbinden das nicht, weil sie nicht genug Nerven dafür haben.

Ich möchte meine Kinder nicht in so einer Gesellschaft wissen. Schon jetzt sehe, welchen Einfluss wohlstandsverwahrloste auf meine Kinder haben. Neulich sagte meine Tochter zu mir: „Mama, bist Du blöd?“ Ich fühlte, dass sie sich selber komisch vorkam bei diesem Satz. Und ich weiß ganz genau, von welcher Kindergartenfreundin sie sich das abgeschaut hat. Ein Kind, das seine Mutter behandelt wie eine Dienstmagd – in aller Öffentlichkeit. Und die Mutter lässt nur die Schultern hängen wie ein geprügelter Hund. Ich fragte meine Tochter, ob sie möchte, dass ich so etwas zu ihr sage. Sie schüttelte den Kopf und es ist nicht mehr vorgekommen. Genauso das alte Ausschluss-Spiel. Normal, dass Kinder zu anderen sagen „Du darfst nicht mitspielen.“ Gab es schon in meiner Kindheit. Und trotzdem bringe ich ihnen bei, dass es in vielen Situationen mehr Spaß bringt, wenn alle mitspielen dürfen (ohne dabei zu vergessen, dass Geschwister nicht immer willkommen sind und jeder auch mal mit seinen Freunden alleine sein möchte). Wir haben immer wieder Kinder, die bei uns spielen und dann anfangen, meine eigenen Kinder vom Spiel auszuschließen. Und die Mütter agieren nicht. Wie sollen meine Kinder lernen, dass sie andere integrieren und teilhaben lassen, wenn sie selber ständig zu hören bekommen, dass sie doof sind und deshalb nicht mitspielen dürfen? In ihrem eigenen Umfeld! Kommt klar!

Ich kann nicht in die Erziehung anderer eingreifen. Das möchte ich nicht und darf ich nicht. Aber ich werde meine Meinung sagen. Ich werde laut sagen, dass ich nicht einverstanden bin und, wenn es um eine Situation mit meinen Kindern geht, selber das Wort ergreifen und die Situation regeln. Besser als zuzuschauen. Das mache ich nicht mehr.

Ich wünsche mir, dass meine Kinder lernen, dass es wichtig ist, andere zu sehen. Ihnen zuzuhören und nicht sich selber in den Mittelpunkt zu stellen. Sie zu akzeptieren wie sie sind und sich nicht lustig zu machen. Andere Menschen und ihren Charakter zu respektieren und sich entsprechend zu verhalten. Und ja: ich möchte, dass sie der alten Dame in den Bus helfen. Ich möchte, dass sie bitte und danke und Entschuldigung sagen. Ich möchte, dass sich auch mal zurücknehmen können. Und jetzt könnt Ihr aufschreien, aber stellt Euch vor: Ich weiß, dass sie trotzdem frei in ihrer Entwicklung sein können, da ich sie in all ihrer Neugierde und Offenheit unterstütze. Ich werde sie fördern und fordern, ich werde sie gehen lassen und immer offene Arme für die Rückkehr haben. Ich werde akzeptieren, dass sie nicht immer so funktionieren, wie ich das gerne hätte und ich werde ihre Dickköpfe und ihre Charakterstärke immer lieben. Aber ich tue alles, um sie als emphatische und freundliche Menschen in diese Welt zu entlassen, die anderen hoffentlich wohlwollend und offen entgegentreten – mit dem Herz am rechten Fleck. Das ist mein größter Wunsch.

Alles Liebe,

Unterschrift

 

*Name von der Redaktion geändert.

Mehr Bilder gibt es bei mir auf Instagram. Schaut doch mal vorbei, ich würde mich freuen!

 

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5 Kommentare zu „Wohlstandsverwahrlost | Warum ich eine solche Gesellschaft für meine Kinder nicht will

  1. Ich bin ganz bei dir Liebe Sophia,
    Bei uns im Kiga gibt es auch die Exemplare Eltern….und ich geb zu das ich immer schau das ich ganz schnell wegkomme.
    Vor meiner SS mit F&T hatte ich mir überlegt mich zur Erzieherin umschulen zu lassen … hatte dann an einem Kiga ein Praktikum gemacht…
    Und habe danach beschlossen das ich es lieber lasse….warum? Nein nicht wegen den Kindern oder der Lautstärke oder des Gehalts…
    Wegen den Eltern (Nein natürlich nicht alle)….und mit am meisten war diese „Wohlstandsverwahrlosung“ ein Grund…. den ich hätte mich eingemischt und dann würde es richtig ärger geben…. und wie Du schriebst: die Kinder leiden drunter und nicht zuletzt die eignen irgendwann bzw die die Rücksicht, Fürsorge, höflichkeiten etc gelernt haben. Mobbing ist eben auch ein Resultat dieser Erziehung….aus „es ist ok sich lustig zu machen“ wird halt in der Pubertät „jemand fertig machen den wir nicht mögen“
    Mich interessiert, wie hast du reagiert als die Kinder im eigenen Garten ausgeschlossen wurden….wie hast du kommuniziert, vor allem mit den anwesenden Eltern?
    LG dede

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    1. Liebe Dede, ich danke Dir für den Zuspruch! Du hast völlig recht mir dem Mobbing. Ich bin überzeugt davon, dass das ein crasses Resultat dieser Nicht-Erziehung ist. Gepaart mit zu viel digitalem Konsum.
      Ich bin dazu übergegangen, mich einzumischen, sobald es meine Kinder direkt betrifft. Ich habe einfach keine Lust mehr zuzuschauen. Allerdings auch erst aber einer bestimmten Eskalationsstufe (einiges können Sie auch selber regeln). Wenn die Eltern nichts sagen, gehe ich zu dem Kind und weise es darauf hin, dass es sicher auch nicht so behandelt werden möchte. Freundlich, ohne den Eltern auf den Schlips zu treten, aber dennoch bestimmt. Meistens sind die Kinder so erstaunt, dass es sofort Wirkung zeigt. Manchmal allerdings ist auch schon Hopfen und Malz verloren. Dann nehme ich meine Kinder durch Ablenkung aus der Situation heraus.
      Deine Entscheidung mit der Erzieher Arbeit kann ich nachvollziehen. Ich könnte auch nicht meinen Mund halten und müsste leider all diese „verwahrlosten“ Kinder adoptieren. Haha! 😂 Liebste Grüße!

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