Der kleine Prinz | Meine selbstbestimmte Geburt und das neue Glück

Robert Schumann hat einmal gesagt: „In jedem Kind liegt eine wunderbare Tiefe.“ Und diese Tiefe spüren wir. Dieses dritte Kind – man möge meinen eine „Routine-Angelegenheit“ – ist wunderbar, zauberhaft, einzigartig. Wie jedes Kind. Und ich staune darüber, wie schockverliebt ich in den kleinen Krümel bin. Dass etwas, das ich schon zwei Mal erlebt habe, mich noch einmal so mitnehmen kann. Dass ich trotz großer Geschwister, die sich benehmen wie Affen auf Speed, die Zeit finde, mich in seinem kleinen runzeligen Gesicht zu verlieren. Ich schaue den  Krümel an und werde melancholisch. Weil er mir vor Augen führt, wie schnell die Zeit vergeht. Weil er mir meine Endlichkeit spiegelt und die Vergänglichkeit der Zeit, in der wir Frauen Kinder bekommen. Weil er mich rührt in seiner Hilflosigkeit. Ich hatte vergessen, wie nähebedürftig sie sind und wie seelig es sich anfühlt, ihnen diese Nähe zu geben. Er ist der erste, der nachts auf meinem Bauch schläft. Und er ist der erste, den ich die ganze Zeit schleppe, weil er mir so leid tut, wenn er irgendwo in der Ecke liegt, während das pralle Leben durchs Haus tobt. Irgendwie ist alles gleich und irgendwie ist alles anders. Das letzte Jahr war schnell, laut und wunderbar. Diese ersten zwei Wochen im Wochenbett habe ich mir bewusst als Auszeit genommen. Auszeit von Verpflichtungen, Auszeit von To Dos, Auszeit von den sozialen Medien. Ich habe die Tage bewusst gelebt und das war einzigartig. Ich stehe sonst immer unter Vollstrom. Nicht mit diesem Kind. Er lehrt mich Gelassenheit, Liegen-lassen-Können, Genießen, Festhalten. Wie brennt man die Momente in das Herz? Das ist meine größte Aufgabe für die nächste Zeit: dem Vergessen den Gar aus machen!

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Meine selbstbestimmte Geburt

Und die Geburt? Manchmal kann ich nicht glauben, dass sie so anders war als die ersten beiden. Zwei Mal hat man mich mit einer PDA ans Bett gefesselt, meine Geburtsschmerzen bis nahezu auf den Nullpunkt gefahren, das Kind aus mir heraus „gearbeitet“ ohne mein Zutun. Dieses Mal sollte alles anders werden. Ich hatte viel gelesen, mich vorbereitet. Während der Verfolgung der Roses Revolution wurde mir klar, dass auch mir Gewalt unter der ersten Geburt angetan wurde. Ich wollte nun ein echtes Geburtserlebnis, mich nicht mehr den Vorgaben anderer fügen. Ich wollte mich bewegen und die natürliche Geburt unterstützen. Gelesen habe ich vor allem Die Hebammen-Sprechsunde von Ingeborg Stadelmann und Die selbstbestimmte Geburt von Ina May Gaskin. Insbesondere letzteres Buch hat mich sehr beeindruckt. Ina Gaskin ist eine amerikanische Hebamme, die in ihrem Buch vor allem reale Geschichten aus ihrer langjährigen Tätigkeit auf der „Farm“ erzählt. Deren Schwerpunkt ist es, Frauen darin zu bestärken, der faszinierenden Kraft ihres Körpers zu vertrauen. Ihre Beispiele sind ermutigend, teilweise witzig und vor allem einleuchtend. Ich begann erst jetzt zu verstehen, wie Geburt funktioniert und wie viel es einer Frau geben kann, dieses Erlebnis selbst zu gestalten. Als erstes nahm ich mir also vor, es ohne Schmerzmittel zu versuchen. Natürlich hielt ich mir alle Optionen offen, nachdem meine ersten beiden Geburten 13 und 11 Stunden gedauert hatten. Aber der Wille zählt. Und ich wollte partout nicht mehr an das Bett gefesselt sein und meinen Körper arbeiten lassen ohne ihn zu spüren. In den Büchern werden immer wieder Gebärstellungen anderer Völker und Kontinente gezeigt. Dass die Schwerkraft eine ganz wichtige Rolle während der Geburt spielt, war für mich ausschlaggebend. Dass Frauen liegend im Bett gebären ist eine Erfindung des prüden 19. Jahrhunderts. Ich entschied also, mich während der Wehen in ein, von der Decke kommendes Tuch zu hängen. Und es stellte sich heraus, dass dies die perfekte Stellung für mich war. Ich verbrachte die gesamte Geburt im Stehen. In den Wehenpausen wanderte ich durch das Zimmer. Das kostete natürlich Kraft der Beine, aber die Bewegung war wiederum erleichternd. Die Hebamme hat kaum mit mir interagiert. Im Moment der Geburt war ich darüber sauer, aber mein Mann sagte mir, dass sie mich hat machen lassen. Sie sah, dass es richtig war, was ich tat und lies der Sache ihren Lauf.

Das klingt alles so schön. Nein, ich werde die Höllenschmerzen nicht vergessen. Ich bin fast vergangen und habe ernsthaft gedacht, ich muss sterben und niemand hilft mir. Diese Schmerzen sind mit nichts zu vergleichen und trotz Selbstbestimmung habe ich sie als schrecklich und unbeschreiblich in Erinnerung. Dennoch: ich konnte die Kraft dieser Schmerzen spüren. Es sind die einzigen „aktiven“ Schmerzen im Leben. Also solche, die zu einem Ergebnis führen. Genau deshalb steckt der Körper sie wohl so gut weg.

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Ein einzigartiges Geburtserlebnis

Ich werde hier nicht auf viele Details eingehen, denn Geburt ist zwar etwas sehr natürliches, aber irgendwie auch extrem privat. Ich kann sagen, dass die gesamte Geburt nur dreieinhalb Stunden gedauert hat. Das ist sicher darauf zurück zu führen, dass ich mich, meinen Körper und mein Baby spüren konnte. Dass ich bewusst „arbeiten“ konnte. Dass ich mich auf den Moment konzentrieren und mich meinem Wohlbefinden nach bewegen konnte. Als es in die Austreibungsphase ging begann der für mich unvergesslichste Moment. Ich war bei meinen ersten beiden Geburten durch die PDA so gefühllos, dass ich nicht spüren konnte, wie ich die Kinder geboren habe. Dieses Mal konnte ich genau fühlen, wie sich der kleine Junge durch den Geburtskanal schob und das Licht der Welt erblickte. Ich weiß noch jetzt, wie es sich anfühlte und das werde ich niemals vergessen. Es war einzigartig und wunderbar. Ich bin unendlich dankbar, dass ich dieses Erlebnis meines nennen darf.

Und was hat diese Geburt mit mir gemacht? Ich bin überzeugt, dass der Körper einen ganz anderen Hormon-Cocktail ausschüttet wenn er nicht vollgepumpt ist mit Schmerz-, Wehenförderungs- oder Wehenhemmungsmittel. Ich fühlte mich sofort besser, fitter. Mein Körper hat die Geburt extrem viel besser überstanden als die ersten beiden Male. Saß ich bei meiner ersten Geburt wochenlang auf einem selbstgebauten Handtuch-Ring, brauchte ich dieses Mal kaum das Bett hüten. Die Hormonumstellung hat mich nicht umgehauen, wie vormals. Sie war kaum wahrnehmbar, ich fühlte mich direkt himmelhochjauchzend – kein zutodebetrübt in Sicht. Ich bin stolz auf meine Leistung. Ich zehre davon und werde dieses einzigartige Erlebnis in meinem Herzen bewahren als ein Höhepunkt meines Lebens. Es war mein Weg, mein Wille, mein Tag! Und dann das Kind. Ich habe für alle meine Kinder tiefe bedingungslose Liebe gespürt. Aber dieses Kind habe ich bewusster wahrgenommen – von seinem tatsächlichen ersten Moment auf dieser Welt. Als das nackte Maulwurfbaby mir auf den Bauch gelegt wurde, war es wie ein Déjà-vu und trotzdem so ganz anders. Intensiver, bewusster und größer.

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Mein drittes Kind

Nun ist er also da. Mein drittes Kind, mein zweiter Sohn. Nie hätte ich mir träumen lassen, dass ich mit so einer glücklichen, gesunden und vielfältigen Familie gesegnet sein werde. Seine kleine Knollnase lädt uns ein, sie anzustupsen. Im Schlaf sieht er aus wie sein großer Bruder – mit wachen Augen ist er ein ganz anderer. Ein Speikind, wie seine Geschwister. Ständig beglückt er uns mit seinem unbewussten Engelslächeln – ein kleines Grübchen auf der rechten Wange lacht mit. Seine langen Arme und Beine lassen vor meinem inneren Auge den großen Mann entstehen, der irgendwann auf seine kleine Mutter herunter schauen wird. Er hatte ein Knickohr als er auf die Welt kam. Er erträgt alle überschwängliche Geschwisterliebe ohne einen Muks. Wenn er mich anschaut, schaut er mir in die Seele und ich vergesse alle Stunden der nächtlichen Wache.

Ja, ich bin verliebt und ich will keinen Alltag. Ich will dieses Zeit anhalten. Hier und Jetzt in Beton gegossen und als Mahnmal aufgestellt: lebe den Augenblick! Lass die Zeit nicht durch die Tür. Schließe die Augen vor der Realität und schick die Vergänglichkeit des Moments in die Wüste.

In diesem Sinne: bis bald! :-)

Unterschrift

Mehr Bilder gibt es bei mir auf Instagram. Schaut doch mal vorbei, ich würde mich freuen!

Allen Hamburger Müttern kann ich das Albertinen Krankenhaus in Schnelsen sehr empfehlen. Ich habe dort zwei Kinder in einer liebevollen Atmosphäre auf Augenhöhe bekommen.

2 Kommentare zu „Der kleine Prinz | Meine selbstbestimmte Geburt und das neue Glück

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