Langeweile fördert die Kreativität | Warum meine Kinder auch mal nichts tun

„Mami, mir ist laaaaangweilig!“ Wer kennt ihn nicht, diesen Satz, der Ohrensausen verursacht. Der einem so grandios auf den Senkel gehen kann, weil viel zu oft wiederholt. Der immer dann aufschlägt, wenn man gerade besonders erwartet, dass sich die Kinder mal alleine beschäftigen. Er setzt viele Eltern unter Druck und dann beginnt die Bespaßungs-Odyssee.

Ich empfinde die Kinderwelt von heute als überperfekt, überbehütet, überladen. So viele Dinge, die extra auf Kinder zugeschnitten sind. Extra Kindergeschirr, extra Kinderzahnpasta, extra bedruckte Schuhe und hundert tausend unnötige Accessoires. Alles wird auf Kinder angepasst. Und dann die extra Kinder-Bespaßung. (By the way: „Warum muss immer alles Spaß machen?“ wäre auch ein gutes Thema). Zudem haben die Kinder teilweise einen genauso vollen Wochenplan wie ein arbeitender Erwachsener. Keine Zeit, sich mit Freunden zu verabreden. Keine Zeit alleine mit sich zu sein. Zum einen ist das der fehlende Wille der Eltern, sich im Spiel mit ihren Kindern auseinander zu setzen. Zum anderen der Leistungsdruck, der ihnen eintrichtert, schon Kindergartenkinder müssten an mindestens vier Tagen in der Woche zusätzliche Termine einhalten. Meine Tochter ist mit einem Termin zum Ballett in der Woche die absolute Ausnahme. Mein Sohn besucht noch gar keine Kurse. Viele viele Nachmittage verbringen wir zuhause oder im Park.

Wenn die Kinder sich dann einmal nicht in irgendeiner Betreuungssituation befinden, werden sie überladen mit Spielzeug. Ich erinnere mich sehr gut daran, wie lange ich manchmal darauf warten musste, einen Wunsch erfüllt zu bekommen. Oft ein halbes Jahr bis zu meinem Geburtstag. Es war nicht üblich, ständig zwischendurch Geschenke zu bekommen. Ich empfinde dieses Überladen der Kinder als „Freikaufen“ der Eltern, die darauf hoffen, die Kinder mit einer neuen CD, einem neuen Spiel, neuen Dinosauriern oder Ähnlichem wieder für eine Weile „ruhig zu stellen“. Natürlich ist das verführerisch und nicht so, dass ich das nicht nachvollziehen könnte. Doch ich halte es für unnötig. Die Kinderzimmer heute sind so voll mit Dingen – oft nur für einen kurzen Moment interessant oder brauchbar. Es gibt jedoch auch Spielzeug, das über Jahre, geschlechterübergreifend und dauerhaft bespielt wird, weil es extrem vielfältig ist. Und dann ist da natürlich noch Mutter Natur. Oft gehe ich mit nölenden Kindern in das Hamburger Grau hinaus, weil mir sonst die Decke auf den Kopf fallen würde. Und es werden die schönsten Nachmittage, weil wir wieder einen neuen Kletterbaum gefunden oder neue Freundschaften auf dem Spielplatz geknüpft haben.

Langeweile Kinder Kreativität

Langeweile gilt als eine der wichtigsten Triebfedern der kindlichen Entwicklung. Aus medizinischer Sicht liegt das wohl daran, dass in der Phase, in der das Gehirn nicht gefordert wird, dennoch Aktivitäten stattfinden, die das Gehirn hinterher leistungsfähiger machen als zuvor. Kinder brauchen mehr Raum für kreatives Spiel. Das bedeutet, kein Programm und „abwarten“ bis sich etwas entwickelt. Das kostet hin und wieder ein wenig Geduld, aber ich kann aus meiner Erfahrung sagen: es lohnt sich. Ich habe eine großes Mädchen, das kognitiv schon sehr weit ist und einen kleinen Jungen, der zu seiner Schwester aufblickt und noch um einiges hinten dran ist was Rollenspiele betrifft. Doch diese zwei haben sich daran gewöhnt, sich etwas einfallen zu lassen. Sonntag morgen stehen sie auf und suchen sich Holztiere, Schleichtiere, Duplotiere, Kuscheltiere und Puppen zusammen. Sie spielen Zoo, Afrika oder dass das alle ihre Haustiere sind. Sie gehen an die Verkleidungskiste und rennen mit den Steckenpferden als Bibi und Tina, Hexen oder Indianer durch die Bude. Die Möglichkeiten sind unendlich und die Spielsachen schon lange vorhanden. Natürlich langweilen sich meine Kinder auch. Das formulieren sie auch. Doch ich bin nicht immer gewillt, mir etwas auszudenken. Oft gebe ich Hilfe zur Selbsthilfe. Spiele sie „an“ sozusagen, überlasse sie dann wieder ihrem eigenen Spiel und ziehe mich zurück. Es wird auch gesagt, ein Übermaß an Langeweile führe zur Beeinträchtigung der Psyche. Aber das wird wohl für unsere Großstadt-Kita-Dauerbespaßt-Kinder keine Gefahr sein.

Kinder müssen lernen, sich auf sich selbst zu konzentrieren, bei sich zu sein. Langeweile spielt dabei eine große Rolle. Es gilt sie zu akzeptieren, zuzulassen und zu nutzen, um zu den eigentlichen Interessen zurückzufinden. Die Eltern müssen die Langeweile der Kinder aushalten, ihr begegnen, sie aussprechen und bewusst hinnehmen, damit etwas neues entstehen kann. Die Relevanz der Langeweile gilt im übrigen auch für Erwachsene. Gerade neulich habe ich einen Bericht über die Frontfrau der Band Juli gesehen, die sich oft ganz dem „Nichts tun“ widmet, um ihr Gehirn wieder zu höheren Leistungen anzuregen. Goethe hat gesagt: „Langeweile ist ein böses Kraut, aber auch eine Würze, die viel verdaut.“ Wenn man einer monotonen Beschäftigung nachgeht und sich langweilt, dann können die Gedanken kreisen und man kommt auf wunderbare Ideen. Viele Erwachsene berichten das auch aus dem Job. So gilt es natürlich gerade für Kinder, die ja viel intuitiver handeln.

Langeweile Kinder Kreativität III

Besondere Entfaltung der Kreativität beobachte ich mit meinen Kindern in der freien Natur. Wir haben begonnen, mit ihnen einfach draußen spazieren zu gehen. Also nicht auf einen speziellen Spielplatz oder Ähnliches zu fahren, sondern an eine schöne Stelle und einfach loszulaufen. Lange habe ich mich davor gescheut, denn gerade die Kleinen können ja noch nicht so lange gehen. Doch jetzt schafft sogar der Junge (gerade drei) schon erstaunliche Strecken. Das Spazieren geht langsam und wir kommen nicht weit. Denn die Kinder beginnen ganz schnell, mit den Naturmaterialien ein Spiel zu entwickeln. Stöcker, Blätter, Moos, Steine – Sammeln, Werfen und als Accessoires benutzen. Ich kann selber manchmal nicht glauben, was die Kinder am Wegrand finden und was sie daraus machen.

Kinder werden unterschätzt. Erwachsene unterstellen ihnen Unselbstständigkeit und Einfachheit. Aber sie sind zu mehr fähig als wir denken. Indem wir sie dauerbespaßen gehen wir davon aus, dass ihre Kreativität nur dann funktioniert, wenn wir ihnen etwas vor die Nase setzen. Aber der Mensch braucht animationsfreie Phasen, um sich weiterzuentwickeln. Durch das Einbinden in unseren eigenen Alltag und das Anleiten zum Spiel werden wir ihnen viel mehr gerecht. Wir sollten ihnen Zutrauen, sich auch alleine in etwas zu vertiefen. Gerade das Spiel unter Kindern oder die Auseinandersetzung mit sich selbst in Momenten des Allein-Seins entwickeln sich ganz von selbst. Die Langeweile ist dabei eine Triebfeder, die oft notwendig ist. Aus dem Zustand der Leere und des Frustes entsteht die nötige Kraft um sich zu neuen kreativen Höhenflügen aufzuschwingen. Der dänische Familientherapeuth Jesper Juul hat die Kreativität als Raum bezeichnet, „in dem wir uns spüren, uns selbst kennenlernen, uns selbst ausdrücken und die Erfahrung von Selbstverwirklichung machen.“ Was gibt es wichtigeres für ein Kind?

Nietzsche Langeweile Kinder

Wie handhabt Ihr den Alltag mit Euren Kindern? Ich freue mich über Nachricht und Austausch.

Alles Liebe,

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