Ich bin nicht gerne schwanger | Und ja, das darf man sagen!

„Das wird die intensivste Zeit Deines Lebens. Sie ist unvergesslich, ein Wunder! Du wirst Dich neu kennen lernen, es wird einfach nur schön! Diese Zeit wirst Du immer in Erinnerung behalten!“

So oder so ähnlich liest und hört man über Schwangerschaft, wenn sich der Kinderwunsch in einem regt. Ist das eingetreten, was versprochen wurde? Intensiv: ja. Besonders: ja. Unvergessen: ja. Aber auch intensiv anstrengend. Besonders verändernd. Unvergessen durch Verunsicherung und bleibende Unzulänglichkeiten des eigenen Körpers. Dies ist ein sehr persönlicher Text.  Ich habe das Thema bereits in meiner ersten Schwangerschaft als Tabu empfunden. Nun, während meiner Dritten versuche ich, meine ganz persönliche Sicht zu schildern. Vielleicht tut es der einen oder anderen gut, dass es noch mehr Frauen gibt, die nicht gerne schwanger sind.

Ich habe mich schon schwanger mit meiner Ältesten nicht schön, sonnig und begehrenswert gefühlt. „Das ist die schönste Zeit Deines Lebens! Ein Kind wächst in Dir – das natürlichste das einer Frau passieren kann! Du wirst auf Wolke 7 schweben!“ Ach ja? Sehnsüchtig schaute ich auf die Frauen, die ihre perfekten Babybäuche in die Runde hielten und strahlten, ihnen ginge es so gut wie noch nie in ihrem Leben. Die kurz vor der Entbindung noch eine kleine Murmel vor sich hertrugen und in’s Fitness Studio gingen während ich schon seit Monaten den Aufzug statt die Treppen nehmen musste. Wirklich? Wie kann das sein?

Mit dem Tag des Ausbleibens meiner Periode begann bei mir in jeder Schwangerschaft die Übelkeit, die Kreislaufprobleme und eine unbändige Müdigkeit. Jetzt in der dritten Schwangerschaft hatte ich zu Beginn fünf Wochen Blutungen. Das war der reine Psychoterror. Keine Kraft mich zu schminken, keine Kraft lachend durch den Tag zu gehen. Die Freude, dass es jedes Mal so unkompliziert klappte, wollte sich nicht durchsetzen. Wenn mich jemand fragte, wie es mir ginge sagte ich „schlecht“. An manchen Tagen war ich nicht fähig, den einfachsten Aufgaben nachzugehen. Auch nach den obligatorischen drei Monaten fühlte ich mich jedes Mal wie eine Alienmutter, die brütet. Das Gefühl, ausgesaugt zu werden, nicht mehr Herr meines Körpers zu sein, begleitete mich ständig. Ich habe einige Kraft in mir. Aber von rosig oder wohlig fühlen war und bin ich weit entfernt.

Und dann die „Das-ist-die-beste-Zeit-meines-Lebens“-Schwangeren. Wahrscheinlich sind viele werdende Mütter einfach besser darin, die Fassade zu wahren als ich. Aber es muss die Frauen geben, die sich in der Schwangerschaft so wohl fühlen, wie noch nie zuvor. Ich habe einmal eine Frau kennen gelernt, die sieben Kinder bekommen hat, weil sie so gerne schwanger war. Wie unfair die Natur doch Eigenschaften vergeben kann! 🙂

Wenn ich ehrlich zugab, dass die Schwangerschaft für mich nur der Weg zum Ziel ist, wurde ich oft schräg angeschaut. Sogar jetzt in der dritten Schwangerschaft. Die Vorfreude auf das Baby, die Erleichterung über das vergönnte Glück, die weiblichen Rundungen durch den Babybauch… wie kann man nur unzufrieden damit sein? Ein völliges Tabu zuzugeben, dass man nicht gerne schwanger ist.

Wenn man sich ein wenig umhört, seufzen viele Schwangere erleichtert auf bei der Aussage, schwanger sein empfände man doch als eher mühsam. Dann stellt sich heraus, dass es nicht wenigen genauso geht. Nur traut sich wieder keiner es auszusprechen. Doch, das darf man! Mein Körper wird nun zum dritten Mal „benutzt“. Die besten Zutaten werden verwendet, um das neue Lebewesen zu „bauen“. Wer weiß, wie er sich danach wieder anfühlt? Wir Frauen werden unser Leben lang mit den „Folgen“ der Schwangerschaften zu tun haben und ich finde es völlig legitim, diesen Zustand als Mittel zum Zweck zu bezeichnen.

Versteht mich nicht falsch: Ich habe mich für jedes Kind bewusst entschieden und mir kommen manchmal die Tränen, wenn sich mein ganzer Bauch bewegt, weil der kleine Alien dadrin wieder umbauen muss. Ich habe mich auch dafür entschieden, meinen Körper ein Stück weit zu opfern. Ich füge mich den Naturgewalten und sehe zu, wie er sich verändert – zum Wohle eines neuen Lebewesens. Aber dieses Opfer ist nicht ganz unerheblich und das auszusprechen – dazu möchte ich ermuntern. Wieviele ältere Damen kenne ich, die drei oder mehr Kinder geboren haben und in nicht allzu fortgeschrittenem Alter operiert werden müssen, da der Beckenboden nachhaltig lediert ist. Wieviele Frauen kenne ich, die nach dem Stillen von zwei oder mehr Kindern keinen Bikini mehr tragen oder sich kaum trauen, nackt vor ihrem Mann herum zu laufen? Schwangerschaft verändert einen selbst, die Familie und die Beziehung nicht nur durch das Wesen, das in einem wächst und das einen hoffentlich bis zum Lebensende begleiten wird. Sondern auch durch die neue körperliche Situation, mit der man sich arrangieren muss. Die wenigsten Frauen sehen nach einer oder mehreren Schwangerschaften wieder so aus wie vorher. Und dabei geht es mir nicht um meine jugendliche Schönheit, einen glatten Bauch oder Ähnliches. Sondern um Veränderungen, die das Selbstwertgefühl nachhaltig beeinflussen. Veränderungen, die nicht durch ein wenig Training zu beheben sind. Auszusprechen, dass einen diese Veränderungen ängstigen, ist wichtig. Viele Frauen haben kein unbändiges Selbstbewusstsein und leben einfach völlig unbeeindruckt weiter.

Ich war nie gertenschlank, hatte nie volles Haar oder einen flachen Bauch. Insofern sind meine Ansprüche auch nicht zu hoch gegriffen, meine ich zu behaupten. Meinen Babybauch empfinde ich nicht als besonders ansehnlich, ich bekomme schon während der Schwangerschaft Geheimratsecken und der Beckenboden sagt jetzt schon zu mir: “ Ich bin bereit, let’s go!“ Sorry, dauert aber eigentlich noch ein bisschen, Du Lump!

Viele Frauen haben auch psychisch mit den Folgen einer Schwangerschaft zu kämpfen. Ängste, wie sich ihr Leben und ihr selbstbestimmtes Handeln verändern werden. Ängste, ob sie denn eine gute Mutter sein können. Ängste, wie sich die Beziehung und die Umwelt durch ein Kind verändern. Auch mit Wochenbettdepressionen nicht unerheblichen Ausmaßes bin ich im Freundeskreis schon in Berührung gekommen. Das alles ist mir persönlich nicht so begegnet, dass ich es als belastende Folge einer Schwangerschaft sehen könnte. Dafür wollte ich schon immer zu intensiv eine Familie und „viele“ Kinder. Mir geht es tatsächlich um den Druck, der durch obige Aussagen entsteht. Ein Kind zu bekommen muss zu jedem Zeitpunkt Euphorie und Dankbarkeit hervorrufen. Selbstverständlich bin ich dankbar für meine gesunden Kinder und sie bedeuten mir alles auf dieser Welt. Aber es gibt mich auch noch als Frau außerhalb der Mutterwelt und die muss noch ziemlich viele Jahre in diesem Körper „ausharren“, der sich doch nicht unerheblich verändert hat.

Also: Kinder JAAAAAAAAA! Aber die Zeiten der Schwangerschaften werde ich – bis auf einige Erlebnisse wie die Kindsbewegungen oder die großen Ultraschalle – aus meinem Gedächtnis streichen. Es ist o.k. nicht zu strahlen!

Alles Liebe,

Unterschrift

2 Kommentare zu „Ich bin nicht gerne schwanger | Und ja, das darf man sagen!

  1. Ehrliche Worte. Auch mal schön. Ich war gerne schwanger, trotz zweier Horrordiagnosen in der Hälfte beider (!) Schwangerschaften. Zum Glück ging es beides mal glimpflicher aus als erwartet. Aber dass man sich NACH den Schwangerschaften nicht mehr 100%ig wohlfühlt kann ich bestätigen.

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    1. Vielen Dank für Deine Nachricht. Das klingt auch nicht gerade einfach bei Dir… Wie schön, dass alles gut gegangen ist! Es muss viele Frauen geben, die gerne schwanger sind. Und das beneide ich. 🙂 Für diejenigen, die es nicht sind, stehe ich. Liebe Grüße!

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