Unser schmerzlicher Weg in die Kindergartengruppe | Und wie ich versuche auf mein Herz zu hören

Ich bin durch den Wind. Mein Junge ist durch den Wind. Der Kindergarten ist in unser Leben getreten, die Krippe ist passé. Und alles schwankt. Wir wissen nicht vor und nicht zurück. Welcher Weg ist der Richtige? Wann kommen wir da wieder raus? Ich hoffe auf Zuspruch…

Aber von vorn.

Mit knapp einem Jahr habe ich mein Söhnchen in die Krippe eingewöhnt. Ich hatte die Zusage für einen neuen Job und das Gefühl, ich müsste wieder etwas zu unserem Lebensunterhalt beitragen, nachdem ich zwischen den Kindern nicht gearbeitet habe. Ein toller neuer Job, mit mehr Verantwortung und besserem Arbeitsklima. Also habe ich mein Fast-noch-Baby in die Krippe eingewöhnt. Er hat sich tapfer geschlagen, doch mein Mutterherz wusste tief in mir drin, dass er zu klein war. Wir haben es durchgezogen, ich wusste keinen Ausweg. Ich glaube nicht, dass er einen Schaden deswegen hat, aber ich hab einen.

Über die Zeit hat er sich dort so richtig eingelebt, war fröhlich und ging gerne in die Kita. Er hatte einen besten Freund, einen Buddy, einen Seelenverwandten, mit dem er durch dick und dünn ging. Er hatte tolle Erzieher, an denen er hing und die ihm Halt gaben, das weiß ich.

Nun ist es in unsere Kita üblich, dass alle Wechsel von August bis Oktober stattfinden. Das heißt, die Schulkinder gehen weg, die Krippenkinder rutschen in die Elementargruppen nach und die freien Krippenplätze werden mit neuen Kindern besetzt. Jedes Jahr eine Zeit des großen Umbruchs und der Verunsicherung. Jede Gruppe muss sich neu finden und viel zu viele neue Kinder müssen gleichzeitig ihren Platz einnehmen.

Ich muss einschieben, dass ich unsere Kita ganz wunderbar finde und es unsere absolute Wunsch-Einrichtung ist. Es wird verantwortungsvoll gehandelt, ich mag die Erzieher, es ist eine christliche Einrichtung, in der Kirche gelebt wird und so weiter. Nur dieser jährliche Wechsel ist das große Manko. Mit einem Dezember-Kind haben wir da einfach gelitten. Denn er passt vom Alter nicht in die Wechsel-Monate. Entweder er ist viel zu jung. Oder zu alt.

Diesen Sommer nun begann das Drama. Sein bester Freund, mit dem er die Gruppe wechseln sollte, verließ die Kita, um in eine andere Einrichtung zu gehen. Durch die vielen neuen Kinder hatten die Erzieher wenig Zeit und so war mein Söhnchen nur zwei Mal zum Frühstücken in der neuen Gruppe, um dann mir nichts Dir nichts von einem Tag auf den anderen zu wechseln. Allein, denn sein Buddy war ja weg. Mit Abstand als Jüngster in eine viel größere Gruppe mit ausschließlich älteren Kindern. Verunsichert, so aus seiner gewohnten Umgebung gerissen zu werden. Alle denken, er wäre so ein kleiner Rambo und harter Kerl. Aber in Wirklichkeit ist er ein Sensibelchen und er schwankte von Anfang an zwischen Faszination für die neue Situation mit großen Kindern und der Angst, sein gewohntes Umfeld zu verlassen.

Es hat mir fast das Herz gebrochen, ihn dort einfach so abzugeben. Er hat nicht geweint, sich nicht an mich geklammert, aber an seinen Bewegungen konnte ich sehen, wie unsicher und ängstlich er war. Ganz langsam ging er in die Gruppe, schaute sich mit ernstem Gesicht immer wieder zu mir um und setzte sich dann allein in eine Ecke um das „Chaos“ zu beobachten. Ich bin fast vergangen und hätte ihn am liebsten wieder mitgenommen. Doch das hätte die Situation nur verschlimmert und ihn noch mehr verunsichert. In den kommenden Wochen hat er mir fast jeden Morgen gesagt, dass er nicht in die neue Gruppe möchte. Aber was soll man tun? Wenn man arbeiten und seinen Alltag machen muss – und das auch noch schwanger? Ich habe ihn so oft es ging früher abgeholt und auch immer wieder ganze Tage zuhause behalten, damit er sich erholen konnte. Doch er hat von einem Tag auf den anderen seinen Mittagsschlaf an den Nagel gehängt, sodass diese Tage für mich dafür doppelt anstrengend waren.

Langsam, ganz langsam, geht es uns besser. Doch die letzten Wochen bestanden aus nächtlichen Trotzanfällen, abwechselnd mit Schreiattacken aufgrund von Alpträumen oder seltsamen Aktionen wie, sich nachts plötzlich nackt auszuziehen und anzufangen zu spielen. Der feste Schlaf über 12 Stunden ist wie weggeblasen. Tagsüber war es kaum möglich mit ihm „vernünftig“ umzugehen. Nur Geschrei, Nein, Trotz, Wut. Und ich daneben, zunehmend kraftlos und ratlos. Was sollte ich tun? Klar, geduldig sein, ihn in den Arm nehmen, Zeit mit ihm verbringen, ihm seine Gefühle erklären und so weiter. Doch nach mehreren Wochen schwindet die Kraft und das alles macht einen nur noch fertig. Ich merkte, wie ich langsam nicht mehr konnte.

Inzwischen hat er sich schon besser in die Gruppe eingelebt und freut sich jetzt auch morgens auf seine Erzieherin und die Kinder in seinem Alter. Es wird leichter, das spüre ich. Doch nichtsdestotrotz ist er immer noch überfordert mit der vielen Selbstständigkeit – nicht nur bei Äußerlichkeiten wie dem Anziehen, sondern auch im Streiten, Durchsetzen und Nachgeben. Niedrigerer Betreuungsschlüssel als in der Krippe gleich weniger Einzelbetreuung. Das bedeutet auch, das Meiste selber regeln zu müssen.

Ich möchte ihn beschützen, wie jede Mutter. Ich möchte, dass mein kleiner Junge behütet wird, dass man auf ihn achtet, ihn sieht. Ich möchte, dass er weinen darf, Trost bekommt, seine Gefühle nicht mit sich selber ausmachen muss. Doch wie kann ich ihn schützen? Kann ich nicht… Ich werde so weiter machen wie bisher auch. Ich blase alle Nachmittags Verabredungen ab und lese drei Stunden im Bett die Lieblingsgbücher. Ich arbeite abends, um mich tagsüber den Kindern zu widmen. Ich schiebe die To Dos und viele Bereiche meines eigenen Lebens weg, um mich ganz dem Söhnchen zu widmen. Das alles in der Hoffnung, dass er langsam, ganz langsam ankommt in der neuen Situation. Dass er seinen Platz findet und sich geborgen fühlt. Ich schiebe die Ängste weg, er könnte drangsaliert werden, seine Naivität viel zu schnell verlieren, zu schnell zu groß werden. Ich kann ihn nicht vor allem beschützen, aber ich werde alle meine Kraft aufbringen, ihn bestmöglich zu begleiten und ihm der Hafen zu sein, in den er immer flüchten kann.

Mein Herz schmerzt manchmal, wenn ich ihn so ansehe und dann vergebe ich alles Geschrei, Getrete, Geschimpfe. Dieses kleine Wesen, wie kann ich ihm böse sein? So verloren in der großen Welt. Dann würde ich mich am liebsten für immer mit ihm einschließen. Doch das geht nicht. Also wagen wir uns hervor, Stück für Stück. Jeden Tag ein bisschen weiter und hoffen, dass es der richtige Weg ist.

Wie waren Eure Gefühle bei Krippen- und Kindergarten Eingewöhnung? Habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?

Alles Liebe,

Unterschrift

6 Kommentare zu „Unser schmerzlicher Weg in die Kindergartengruppe | Und wie ich versuche auf mein Herz zu hören

  1. Ich fühle mit Dir, wenn ich das lese und muss an einen Beitrag von mir denken, weil ich länger gebraucht habe, um zu erkennen, dass mein Kind in seiner alten Kita sehr unglücklich war. Das hat auch für mich als Teilzeit berufstätige Mutter jeden Tag massiven Stress bedeutet.

    https://marasgedanken.wordpress.com/2016/03/22/hoert-auf-eure-kinder-sofern-es-euch-moeglich-ist/

    Bei uns ging es auch bergab als der Wechsel von der Krippe in den Elementarbereich kam. Mein Kind hat jeden Abend gefragt, warum es dort hin muss. Vielleicht ist die Situation bei Euch anders und an der Kita nichts auszusetzen. Aber es lohnt sich, genau hinzugucken. Alles Liebe für Euch.

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    1. Danke Dir sehr für den Zuspruch. Es ist eines der schwersten Dinge im Mutterdasein, sein Herz und seinen Verstand in Einklang zu bringen und für diese kleinen den richtigen Weg zu ebnen. Ich habe schon den Termin fürs Elterngespräch und werde definitiv dran bleiben. Nichts tun ist keine Option in der lage…
      Dir auch alles Gute! Sehr interessanter Blog, dem ich gerne ein bisschen folge. Als gestresste unperfekte Mutter. 😉

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      1. Das mit dem Gespräch ist eine sehr gute Idee. Ich habe nämlich im Gespräch dann auch erst richtig gemerkt, wie die Bezugserzieherin tickte. Ich hatte sie falsch eingeschätzt. Sie sagte durch die Blume, sie wolle gar nicht, dass mein Kind eine Beziehung zu ihr aufbaut. An Deinem Text sehe ich, dass Du ganz nah bei Deinem Kind bist. Du wirst den richtigen Weg für Euch finden, da bin ich mir sicher. Ich habe damals mein Kind nach drei Monaten kaum wiedererkannt und es aus der Einrichtung nehmen müssen, damit es nicht verhaltensauffällig wird ;-). In der neuen Kita fühlte es sich vom ersten Tag an wohl und in der alten Kita konnte es sich drei Monate lang nicht im Elementarbereich eingewöhnen, obwohl es das ganze Haus schon kannte. Das hat mir im Nachhinein die Augen geöffnet. Eigentlich hatte ich alles gesehen. Das Desinteresse der Erzieher, die Kälte und Lieblosigkeit (vermutlich war Personalmangel der Grund). Ich konnte es nur nicht wahrnehmen, weil ich gar keine Zeit und Kraft für einen Wechsel hatte. Aber am Ende kostete die Verzweiflung meines Kindes mehr Kraft als mich länger gegen einen Wechsel zu sperren. Ich wünsche Dir, dass es bei Euch anders ist und dass Dein Kind vielleicht nur verarbeiten muss, dass sein Freund nicht mehr da ist. Beobachte die Erzieher (unauffällig ;-)) ganz genau und Du wirst merken, was der Grund ist.

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