Neid-Faktor Baby |Was des einen Glück ist des anderen Schmerz

Das dritte Mal bekomme ich ein Baby. Das dritte Mal variieren die Kommentare. Das dritte mal ertrage ich den Überraschungseffekt von großer Mitfreude oder tiefer Missgunst. Ein Thema, das mich seit meinem erstem Kind begleitet und auch beschäftigt. Was geht in den Menschen vor, die sich nicht so richtig mit einem freuen können?

Die Geschichte meines Mannes und mir ist klassisch. Im Studium kennen gelernt. Kurz nach dem Studium geheiratet, drei Jahre später das erste Kind bekommen. Die meisten haben damit gerechnet, dass es bei uns so ablaufen würde. Und doch kam für einige die Nachricht des Nachwuchses als Schock. Wir waren noch relativ jung, als unsere Tochter unterwegs war. Daher war die Stimmung bei einigen Freunden und Bekannten eher „warum ging das bei denen so schnell und bei uns nicht“? Jetzt beim dritten Kind, einige Jahre später und viele schon Mitte/Ende 30, tendiert es eher zu „die kriegt ja eins nach dem anderen. Bei uns klappt das wahrscheinlich eh nicht mehr.“ Selbstverständlich hat niemand das so wörtlich ausgeprochen, aber mit ein bisschen Empathie spürt man, dass das Lächeln des Gegenüber angestrengt ist. Und manchmal werden einem die Kommentare auch hintenrum von jemand anderem zugetragen.

Es gibt Freundschaften und Bekanntschaften, die unter den Kindern empfindlich gelitten haben. Fast alles Freundschaften verändern sich irgendwie mit Kindern. Aber einige haben das Baby-Thema nicht unbeschadet überstanden. Dabei geht es nicht um offene Konfrontation, sondern vor allem um Parallelverhalten, das einem die Ressentiments des anderen aufzeigen. Irrationale Vorwürfe wegen lächerlicher Kleinigkeiten, die früher nie ein Thema gewesen wären. Schlechtreden des kindlichen Verhaltens, obwohl man es selber nicht gerade besser gemacht hat. Kühles Verhalten gegenüber den Kindern.

Beim 3. Kind habe ich noch weitere interessante Erfahrungen gemacht. Diese bezogen sich vor allem auf die Zahl. Neulich sagte tatsächlich jemand zu mir: „Wow, ein drittes. Dann ist aber wirklich Schluss, oder?“ Wie bitte?? Oder jemand anderes: „Ach so, ein drittes. Na, heute ist ja drei das neue zwei.“  Und noch besser: „Ach wirklich? Ich dachte, nach den anstrengenden zwei ersten hättest Du jetzt genug.“

Nun könnte ich mich einfach ärgern und enttäuscht sein. Doch mit jedem Kind habe ich mehr gelernt, mein Glück für mich zu genießen. Nie werde ich es allen recht machen können. Diese gesunde und glückliche Familie ist mir vergönnt und ich bin jeden Tag dankbar dafür! Mir ist bewusst, dass ich gesegnet bin und wenn ich wieder einmal vor mich hin meckere und mich selbst bemitleide, schaue ich meine Familie an und weiß, wie gut ich es getroffen habe. Es war ein weiter Weg hierher. Was habe ich früher auf die Meinung anderer gegeben. Doch ich schaffe es immer mehr, dieses Gefühl nicht mehr zuzulassen.

Dass ich gesunde, vitale Kinder habe, ist mein Glück, nicht des anderen Pech. Ich habe tatsächlich Verständnis für den Schmerz der Menschen, die keine Kinder bekommen. Denn die Vorstellung, ohne Kinder mein Leben zu fristen, wäre für mich ganz sicher auch unerträglich. Jeder Mensch hat irgendeine Vorstellung seines Lebens und wenn der Wunsch des eigenen Lebensweges nicht erfüllt wird und man sich mit einer ganz anderen Version anfreunden muss, ist das hart. Ich habe auch Verständnis für die Gefühle, die diese Menschen umtreiben. Wie muss es sich anfühlen, die glückliche Mutter, die gesunde Schwangere zu sehen, wo man sich so sehnsüchtig ein Kind wünscht?

Doch muss man es den Gegenüber spüren lassen? Ich weiß mich abzugrenzen, doch trifft es mich dennoch, wenn Menschen, die mir nahe stehen, sich so gar nicht mit mir freuen können. Es gab auch erleichternde Situationen, in denen die Freundin ihren Schmerz offenbart und offen darüber gesprochen hat. „Sei mir nicht böse, aber es tut weh, Dich so zu sehen!“, klingt mir noch im Ohr… Doch dann folgte: „Ich freu mich trotzdem wahnsinnig für Dich!“ Und das war so gemeint. Da kann man sich nur in den Arm nehmen. Ich habe auch schon mit Freundinnen geweint. Um ihren nicht erfüllten Kinderwunsch, um ihr verlorenes Baby, um das verlassene Glück. Ich habe Verständnis. Aber ich rechtfertige mich nicht für mein eigenes Wohl. Bei manchen ist das Verhalten inzwischen so irrational, dass ich gleichgültig werde. Bei anderen trifft es mich immer noch, dass der Neid manchmal die Oberhand gewinnt. Ich bin der festen Überzeugung, dass jeder Mensch auf irgendetwas neidisch ist. Auch wenn er es nicht zugibt. Die einen sind zufriedener mit ihrem Leben, die anderen weniger. Aber irgendein Wunsch bleibt doch immer unerfüllt, der einem anderen vergönnt scheint. Das Kinderglück, das große Haus, die heile Beziehung, der Erfolg im Job. Es gibt so viel, auf das man bei anderen schielen kann und ich nehme mich da sicher nicht aus. Doch wie geht man damit um, ist die Frage? Ich versuche immer, mir mein eigenes Glück vor Augen zu führen und mir zu sagen, dass jedem etwas im Leben fehlt. Manchmal spreche ich dem Gegenüber aus, was mich beschäftigt und gebe zu, dass mir etwas gut gefällt, das derjenige besser auf die Reihe bekommt. Aber ich versuche das positiv zu formulieren und es mir abzuschauen für mein Leben. Ich muss es dem anderen doch deswegen nicht missgönnen. Freundschaft bedeutet für mich unter anderem Ehrlichkeit. Und dazu gehört auch, Negatives anzusprechen und durch Austausch zu relativieren. Denn Unausgesprochenes  schwelt meistens lange vor sich hin und ist irgendwann zu spät, um noch geklärt zu werden.

So lebe ich mit den unterschiedlichsten Entwicklungen in meinem Bekannten- und Freundeskreis und gebe mein Bestes die Balance zu finden zwischen Verständnis und Unempfindlichkeit, um mein eigenes Glück zu genießen.

Welche Erfahrungen habt ihr so gemacht und wie seid ihr damit umgegangen?

Alles Liebe,

Unterschrift

6 Kommentare zu „Neid-Faktor Baby |Was des einen Glück ist des anderen Schmerz

  1. Liebe Sophia,
    Vielen Dank erst einmal für deinen neuen Beitrag:-)
    Ich glaube, das ist ein ganz schwieriges Thema….der Kinderwunsch, sei es nach dem 1.,2. oder 3. Kind ist mit so vielen Emotionen verbunden, und der Mensch ist vor allem machtlos. Wenn es nicht klappen will, gibt es noch den Weg zu den Fachärzten, wenn die aber auch nicht mehr weiter wissen, steht man in einer Sackgasse und muss Abschied nehmen.
    Ich würde von mir behaupten, dass ich schon beide Positionen eingenommen habe. Die, die nach zwei schief gegangenen Schwangerschaften andere neidvoll ansah…. die sich immer gefragt hat: „Warum klappt es bei ihr, die mit der Zigarette an der Haltestelle steht, aber bei mir nicht.“ Die, die sich auch ein paar Tage nach einer Fehlgeburt für eine Freundin freuen sollte/musste, aber ehrlich gesagt nicht konnte. Aber all diese negativen Gedanken bringen einen nicht weiter…ein paar Jahre später, nachdem unser erster Sohn bereits 3 war, und wir uns ein zweites Kind wünschten, ging alles überraschend schnell und problemlos. Plötzlich war ich die, die genau von dieser Freundin beneidet wurde. Nun machte sie meine Geschichte durch und ich bekam unseren zweiten Sohn. Immernoch hoffen sie und ihr Mann auf ein zweites Stückchen Glück, während wir auf ein drittes hoffen. Wie sagte sie letzt zu mir…..“Weißt du, ich habe Angst vor dem Tag, an dem du mir sagst, dass du schwanger bist.“Im ersten Moment fand ich das unmöglich, aber ich verstehe sie so gut. Man will sich freuen, aber man kann einfach nicht.
    Ich finde es gut, dass du dein Glück für dich genießt, und dich davon nicht beeindrucken lässt. Aber verzeih Ihnen, sie würden sich sicherlich, wenn sie nur könnten, viel lieber ehrlich mit dir freuen. Und es ist eben viel leichter, etwas zu sagen wie „ Wow!Danach ist aber hoffentlich Schluss!“, als zuzugeben, dass man gerade sehr sehr traurig ist.Das liegt wohl in der Natur der meisten Menschen.
    Im Moment sehe ich Frauen mit drei Kindern und lächle ihnen zu….. bewundere ihren Mut…. freue mich für sie.
    Aber wer weiß, vielleicht gehöre ich irgendwann auch wieder zu den anderen……
    Ein schönes Wochenende mit deinen Lieben!

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    1. Liebe Melanie,
      vielen Dank für Deinen langen Beitrag. Du hast völlig recht. Ich habe versucht zu verdeutlichen, dass ich den Schmerz verstehe und schon oft mitgefühlt habe. Aber dass eben auch die Schwangere durch entsprechende Kommentare verletzt ist. Wenn gerade Menschen, die einem Nahe stehen, sich nicht mit einem freuen können ist das auch für denjenigen schmerzhaft, der in der „glücklichen“ Situation ist. Unabhängig davon, dass man den anderen verstehen kann. Als ich nach meinen zwei ersten Kindern nicht sicher war, ob ich noch ein Drittes möchte, hatte ich manchmal auch ein wenig Herzschmerz, wenn mir jemand von seiner dritten Schwangerschaft erzählt hat. Aber dennoch habe ich mich für meine Freundin oder Bekannte gefreut. Denn Kinder sind das große Glück im Leben und ich würde es niemals jemandem missgönnen. Meine Mutter hat mir mal gesagt, jedes Kind ist 100% Glück. Ein Wunder, jedes für sich. Und nur weil einem das Leben nicht die gewünschte Zahl schenkt, ist man doch trotzdem irgendwie gesegnet, findest Du nicht?
      Trotz Verständnis und Bemühen auf beiden Seiten, kann die fehlende Euphorie auch Risse in der Freundschaft bedeuten. Verzeihen ist eine große Kunst und nur wenige beherrschen sie wirklich gut. :-) Ich für meinen Teil bemühe mich, aber je nach Intensität der Verletzung ist das eben nicht immer so einfach. Ich habe auch geschrieben, dass es in einigen Fällen nicht nur um ein Kommentar oder eine Situation ging, sondern um die Veränderung der Freundschaft und des Verhältnisses insgesamt, nur aufgrund der Tatsache, dass jemand Kinder hat und ein anderer nicht. Und mich für meinen Teil schmerzt das vor allem bei langen intensiven Freundschaften sehr. Dazu gehören eben Verständnis und Verzeihen auf beiden Seiten.
      Ich drücke Euch ganz fruchtbar die Daumen!
      Alles Liebe aus Hamburg

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  2. Ein komplexes Bündel Emotionen lastet man sich da an, weil man nett sein will zu denen, die es womöglich nicht so gemeint haben, weil sie nicht wussten, was sie überhaupt zu etwas sagen sollen, das ihnen eigentlich egal sein darf, und kompromissbereit mit denen, die es aus Neid und eigener Enttäuschung genau so gemeint haben, sie sie es sagen oder schreiben. Das Phänomen begegnete einem früher in den klassischen Dialogen auf der Strass, im Park und im Bekanntenkreis, aber noch mehr im Netz, wo jeder meint, er hätte überall etwas zu kommentieren (mache ich ja auch gerade).
    Es ist leider so, dass nicht jeder empathisch ist und es auch gar nicht sein will und die Solidarität unter Frauen ist, glaube ich, an ausgerechnet diesem Punkt am kleinsten, wo die „weibliche Leistungsgesellschaft“ sich am deutlichsten beäugt, politisiert und disst.

    Ich war eine späte Mutter, mein Mann und ich hatten beide jeweils eine kinderlose Ehe hinter uns und einen, wie es sich dann meist fügt, kinderlosen Freundeskreis.
    Die Erfahrung des Auseinanderbrechens des Freundeskreises bei einer Ehescheidung gleicht dem beim Auftauchen eines unerwarteten Kindersegens, es kommt Sand ins bis dahin reibungslos dahinlaufenden Freundes-Vehikel, und einer nach dem anderen steigt aus. Wir hatten ja beides, das hat Zentrifugalkraft.

    Übrig geblieben sind die, die auch schon mal Trennungserfahrung hatten und / oder Kinder, die bereit waren, die Treffen aus dem Restaurant nachhause zu verlegen, wo man zusammen kochen, essen und mit dem Kinderspielzeug auf dem Wohnzimmerteppich sitzen konnte, und weggeblieben sind die anderen, die sich gelangweilt haben.

    Man muss um seiner selbst willen eine strenge Linie ziehen zwischen deren Langweile oder Angepisstsein und dem eigenen Gefühl, nicht mehr akzeptabel zu sein für diese Personen, das einen so enttäuscht. Es ist ja sowieso unumkehrbar.
    So geht es das ganze Leben weiter: ständig steigt einer aus und andere zu, mit jedem Ortswechsel, den Kindergarten- und Schulwechseln der Kinder, und mit den Weiterentwicklungen der eigenen Persönlichkeit und Interessen auch.

    Ich glaube, dieser Punkt, an dem man „wegen der Kinder“ gesucht oder gemieden wird, ist für viele das erste Mal im Leben, bei dem man merkt, dass die Zeit der Kompromisse vorüber ist – das sind richtige Wachstumsschmerzen.
    Mir sind sie noch ein weiteres Mal begegnet, als ich als Mutter eines Legasthenie-geplagten Kindes miterleben musste, wie Kinder und Eltern eben mein Kind eher ausgrenzten als willkommen hiessen, und somit auch die Klüngelei unter den Eltern in der Schule mich mitbetraf. Das ist eben so. Nicht persönlich zu nehmen statt zu leiden ist wichtig und in einem solchen Fall auch noch eine Aufgabe: man muss es schließlich auch seinen Kids beibringen. Meine sind inzwischen junge Erwachsene.

    In diesem Sinne: nimm mir als Unbekannter und zufällig vorbeidriftender Lesern den
    langen Kommentar nicht übel, aber der hat in mir eine mitfühlende Saite angeschlagen, und ich hoffe, wenn er schon nicht tröstet, dass er wenigstens nützt.

    Liebe Grüsse.

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    1. Liebe Puzzleblume,
      ich habe mich sehr über Deinen Beitrag und die reflektierten Gedanken gefreut. Ich glaube, dass dies ein Thema ist, das sehr viele Eltern umtreibt und auch ich habe (trotz nicht schulpflichtiger Kinder) schon vom „Kampf“ in der Schule gehört. Sehr traurig das und man braucht dann definitiv ein noch dickeres Fell und noch mehr Kraftreserven.
      Mir waren und sind Freundschaften immer sehr wichtig gewesen. Zu akzeptieren und weniger verletzt zu sein, wenn sie sich verändern oder wegfallen, hat mich viel Kraft und Tränen gekostet. Aber inzwischen ist das auch bei mir angekommen. Ein Phänomen, das man nicht aufhalten kann und zum Glück treten ja auch immer wieder ganz wunderbare neue Menschen in das Leben. Doch lebt glaube ich in jedem der Wunsch, Beziehungen, die durch intensive Zeiten gegangen sind, aufrecht zu erhalten. Man steht sich nahe, hat viel geteilt, ist vielleicht schwere Zeiten miteinander durchgestanden. Und dann passiert etwas vermeintlich großartiges und das ist dann der Auslöser für den Knacks?? Es ist wirklich schwer, sich daran zu gewöhnen…
      Danke Dir für Dein „Vorbeischauen“. Mach das doch öfter! :-)
      Liebe Grüße!

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      1. Dankeschön für diese umfassende Antwort, Sophia. Diese Verbindung des Ganz-besonders-Schönen wie eine neue Liebe, die in die Intensität einer alte Mädelsfreundschaft einbricht, indem sich Prioritäten und Verfügbarkeiten verschieben, oder die Schwangerschaft, die den Fokus genauso von der Innigkeit der Freundschaft weglenkt, sind ja auch so schwer zu verkraften, weil man sich bis dahin immer in einem System der Verantwortlichkeit bewegt hat. Es ist also nicht nur das Zerbrechen liebgewordener Freundschaften, sondern ein Crash im Vertrauensgefüge, das man nicht moralisch zu verantworten hat, und dennoch als eine Art Strafe für Vergehen empfindet. Man hat mit einem Baby so viel Neues zu lernen, freut sich darauf, ihm Urvertrauen und später auch Werte vermitteln zu dürfen, und spürt dabei selbst gerade in dieser Hinsicht den Boden unter den Füssen wanken.
        Eigentlich hilft wirklich nur der Gedanke, dass man vor seinem Gewissen nichts falsch gemacht hat und dass man sich keine Schuldgefühle für das Unwohlsein anderer anlasten lässt.
        Liebe Grüsse.

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