Miss Ballerina und Mamis unnötiger Frust

Meine Tochter ist ein kleiner Bewegungsmuffel und nachdem auch die Ärztin gesagt hat, dass ein bisschen turnen oder tanzen ihrer Haltung gut tun würden, entschied ich mit ihr gemeinsam, Ballett zu versuchen.

Dazu muss gesagt sein, dass ich gegen diesen Sport aus zwei Gründen empfindliche Abneigung hegte.

Zum einen empfinde ich den Freizeit-Druck den viele heutige Eltern ihren Kindergarten-Kindern machen als falsch und in extremen Ausführungen sogar schädlich für die Kinder. Oft tut es mir leid, wenn ich höre, dass ein Kind nicht zum Kindergeburtstag gehen konnte, weil man nicht eine der drei wöchentlichen Trainingseinheiten verpassen konnte. Ich bin der festen Überzeugung, das freie Spiel, möglichst draußen, ist das Beste, was man seinen Kindern in dem Alter bieten kann. Dabei bin ich überhaupt nicht dagegen, mal einen Kurs mit ihnen zu besuchen um sie zu fördern. Aber er muss Spaß machen, nicht Druck aufbauen.

Ein anderer Punkt ist das Bild der Mini Super Ballerina. Kleine, in Schweinchen-rosa gekleidete Mädchen – über und über mit Glitzer-Accessoires bedeckt, die mit ihrem Teller-Tütü gerade laufen können. Mal davon abgesehen, dass ich die Gender-Farbgebung für Jungs und Mädels sowieso nicht mag, versuche ich meiner Tochter, die kein zierlicher Ballerina-Typ ist, zu vermitteln, dass jedes Mädchen sehr in Ordnung ist. Doch auch unter den kleinen entstehen schon Kämpfe um das beste Outfit und die schöneren Bewegungen. Versteht mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen Ballett als Sport und dass Mädchen lernen, sich grazil zu bewegen und vor allem sich gesund zu halten. Ich selber habe als Kind getanzt. Die Art und Weise, wie die kleinen das Ballett in vielen Tanzschulen vermittelt bekommen, finde ich aber abschreckend und unangebracht.

Nach einigen schlechten Erfahrungen haben wir dann schließlich in einem ganz anderen Stadtteil eine kleine Ballettschule gefunden, die mir von der Atmosphäre und dem Anspruch sehr zugesagt hat. Zusammen mit klein Lale haben wir eine Probestunde gemacht und sie entschied sich, weiter teilnehmen zu wollen. Das hat mich sehr gefreut, denn auch ich habe mich wohl und willkommen gefühlt. Bisher habe ich keinen einzigen Kommentar der Kinder über das Outfit der anderen, deren Figur oder sonst eine Gemeinheit vernommen. (Kein Scherz: in einer anderen Tanzschule, in der wir zur Probestunde waren, ging es gleich zu Anfang der Stunde darum,dass alle Kinder gut sind, wie sie sind und eben nicht jeder von Anfang an eine Ballett-Figur hat!) In meiner kleinen inneren Rebellion habe ich meinem Mädchen einfach einen hellblauen Ballettanzug ohne Röckchen bestellt und wartete ab, was sie sagt. Er war günstig und wenn sie auf rosa bestanden hätte oder auf ein Modell, das die anderen auch haben, hätte ich es ihr natürlich gekauft. Aber sie hat das hellblau angenommen ohne einen Muks und war sehr glücklich. Kein Wort, dass sie sich unwohl fühlt. Mein Tochter hat mit ihren vier Jahren noch etwas sehr Unbedarftes und ich versuche, es noch ein wenig zu erhalten.

Nun also zu den eigentlichen Vorkommnissen, von denen ich berichten wollte. Zu unserer ersten Stunde erschienen wir also gestriegelt und natürlich das Mädchen ziemlich aufgeregt. Die Lehrerin nahm sie ganz ruhig in die Mitte und der kleine Bruder und ich warteten draußen. Ich war schon ganz stolz. Doch nach kürzester Zeit kam sie raus – gefrustet – und bat mich, mit hinein zu kommen. Ich also mit dem kleinen Raudi mit in den Ballett-Saal, der fleißig am Rand mit hopste und alle aufmischte. Das war schon unangenehm. Je weiter die Stunde fortschritt, desto öfter kam Lale zu mir und klagte über Müdigkeit und Schmerzen. Mir wurde schnell klar, dass sie völlig überfordert und gefrustet war, weil sie nicht mithalten konnte und all die neuen Bewegungen nicht kannte. Eine neue Situation für mein Mädchen, das mit Ehrgeiz und Konkurrenz-Gedanken noch wenig vertraut war. Dennoch versuchte ich sie immer wieder zu ermutigen, nochmal mitzumachen. Zum Beispiel auch beim freien Tanz mit einem Seidentuch. Aber sie blieb unwillig. In mir stieg die Wut und auch der Frust hoch. Irgendwie war es mir furchtbar peinlich, dass wir die ganze Stunde dort aufmischten. Ich sagte ihr auch, dass ich enttäuscht bin, was ich im Nachhinein sehr bereue. Ich wusste keinen Ausweg. Am Ende haben wir draußen gewartet, bis die Stunde zuende war und ich mit der Lehrerin sprechen konnte. Sie merkte meinem Ärger und machte mir Mut. Es wäre gar nicht schlimm und so lange Lale sich nicht wehrte, sollten wir einfach noch ein paar mal wieder kommen. Das beruhigte mich.

Abends, als aller Ärger verraucht war, habe ich mit Töchterchen noch einmal ganz in Ruhe über den Nachmittag gesprochen. Sie hat mir anvertraut, dass sie das Gefühl hatte, nicht mithalten zu können, was ich für eine Vierjährige schon enorm fand zu artikulieren. Wir waren uns einig, dass wir es in der nächsten Woche noch einmal versuchen würden. Das lag unter anderem daran, dass jedes Mädchen im Kurs ein kleines Buch erhält, in dem es für jede teilgenommene Stunde einen Ballerina-Stempel erhält. Lale hatte für die erste Stunde nur einen Clown – den Zuschauer-Stempel – bekommen. Das wurmte sie. 🙂

Für die nächste Woche konnte ich den kleinen Bruder bei meiner Cousine unterbringen und ganz entspannt zur Ballettschule fahren. Wie erwartet, wollte das Töchterchen, dass ich mit hinein komme. Das durfte ich und war noch einmal eine ganze Stunde dabei. Sie schaute immer wieder zu mir hinüber, um sich Bestätigung zu holen. Ich reckte meine Daumen, lachte sie an und flüsterte ihr „weiter so“ zu, wenn sie vorbei kam. Am Ende machte sie die ganze Stunde begeistert mit und merkte, dass schon beim Zweiten mal alles ein wenig einfacher von der Hand ging. Wir beiden waren völlig euphorisch und glücklich, dass da wohl ein Knoten geplatzt war. Ich schämte mich so, dass ich erwartet hatte, dass es einfach so alles prima läuft und mein sensibles Mädchen so unter Druck gesetzt hatte. Wie immer mit Kindern lag in der Ruhe die Kraft und mein Ungeduld und mein Erwartungsdruck hätte die Situation fast eskalieren lassen.

Es fällt mir oft so schwer, das Kind in seinem Tempo die Dinge erforschen und bewältigen zu lassen. Mein Erwachsenen-Verstehen und -Reagieren projiziere ich auf das Kind und erwarte, dass es genauso rational und schnell denkt. Dass Kinder viel mehr die Situation fühlen und erfahren müssen, um sich selbst und die anderen zu verstehen, fordert meine Geduld. Im Ballett-Fall mache ich mir Vorwürfe, dass ich nicht ruhig geblieben und die Kleine die Situation erstmal beobachten lassen habe. Wir haben immerhin viel darüber gesprochen. Ich habe das Gefühl, Fortschritte zu machen, aber das geht zu langsam… Ich bin jedenfalls froh, dass das Ballett-Drama ausgeblieben ist.

Wie ergeht es Euch so? Seid Ihr der geduldige oder ungeduldige Typ? Und wie bändigt Ihr Euren Drang, den Kindern ihre Erfahrungen vorzugeben beziehungsweise sie in die vermeintlich richtige Richtung zu lenken?

Ich würde mich über Erfahrungsberichte freuen.

Unterschrift

P.S.: Für alle Hamburger. Das hier ist unsere kleine Ballettschule – sehr empfehlenswert: Gymnastica Hamburg.

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